Mobility Services Report (MSR) 2023

Shared Mobility unter massivem Konsolidierungsdruck

  • Eine mangelhafte Auslastung, hohe Betriebskosten, steigende Kapitalzinsen und allmĂ€hlich ungeduldige Investoren bewirken ĂŒbergreifende Konsolidierungstendenzen auf dem Shared-Mobility-Markt.
  • Von den rund 280 einzeln untersuchten MobilitĂ€tsdienstleistungen in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility und Fahrdienstvermittlung kristallisieren sich nur wenige Akteure mit einer hohen Marktrelevanz heraus.
  • Die Entwicklung und der Ausbau von umfassenden Service-Ökosystemen und Super-Apps gelten als SchlĂŒssel zu einem nachhaltig profitablen GeschĂ€ftsmodell. Uber gelingt auf diese Weise als erstes Sharing-orientiertes Unternehmen der Durchbruch zu operativen Gewinnen.

Geteilte MobilitĂ€tskonzepte („Shared Mobility“) galten lange Zeit als großer Zukunfts- und Wachstumsmarkt. Nach mehr als 10 Jahren haben sie jedoch noch immer nicht den gesellschaftlichen Stellenwert erreicht, der ihnen ursprĂŒnglich prophezeit wurde. Stattdessen zeigt eine Bestandsaufnahme der Entwicklungstrends der letzten Jahre eindeutige SĂ€ttigungs- und Konsolidierungstendenzen ĂŒber verschiedene Service-Bereiche hinweg. In der Folge gibt es nur noch eine Handvoll bedeutsamer Akteure, die immer hĂ€ufiger hochspezialisiert sind und ĂŒber ausgeprĂ€gte Daten- und Plattform-Kompetenzen verfĂŒgen. Der strategische Schwerpunkt verlagert sich angesichts eines herausfordernden Konjunkturumfelds sowie zunehmenden Profitdrucks in Richtung sogenannter Super-Apps mit einem weitreichenden Service-Angebot. Diese kristallisieren sich als wesentlicher Erfolgsfaktor fĂŒr die dauerhafte ProfitabilitĂ€t von MobilitĂ€tsdienstleistern. Das sind die zentralen Ergebnisse des diesjĂ€hrigen Mobility Services Reports (MSR) 2023, der vom Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst wurde.

Über eine Stichprobe von rund 280 MobilitĂ€tsdienstleistungen in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste lassen sich ĂŒbergreifende Konsolidierungsbewegungen registrieren. Beispielsweise reduziert sich die Anzahl relevanter Anbieter auf dem Carsharing-Markt spĂŒrbar durch ÜbernahmeaktivitĂ€ten (z.B. Miles akquiriert WeShare) und RĂŒckzugsbewegungen (z.B. SAIC, BAIC und Shouqi in China) infolge mangelnder Nachfrage. Damit bleibt das GeschĂ€ftsmodell mit geteilten Pkw ein weitestgehend europĂ€isches PhĂ€nomen mit ĂŒberwiegend linearem Wachstum auf noch niedrigem Niveau. Doch auch hierzulande haben etablierte Anbieter mit einem hohem Kostendruck und ĂŒberschaubaren Einnahmen zu kĂ€mpfen. Selbst der fĂŒhrende Anbieter Miles, der nach eigenen Angaben bereits 2021 den Break-Even-Punkt erreichte, fuhr im vergangenen Jahr nur knapp einen unbereinigten Gewinn ein. Konsolidierungstendenzen lassen sich auch bei Micromobility erkennen. Hier reduziert sich die bereitgestellte Flotte in Europa erstmals, zudem berichten die Akteure auch im Wachstumsmarkt Nordamerika ĂŒber schwache Auslastungszahlen ihrer Fahrzeuge. Hinzu kommt eine Stagnation bzw. Reduzierung des Angebots von IntermodalitĂ€t und MobilitĂ€tsflatrates.

In Summe gibt es pro Service-Bereich und Region nur noch wenige relevante Akteure (vgl. Tabelle 1). Beim Carsharing dominieren die Anbieter Miles und ShareNow/Free2move (Free-floating), Cambio und zipcar (Stationsbasiert) sowie Turo und getaround (Peer-to-Peer). Zu den fĂŒhrenden Anbietern multimodaler Routing- und Provider-Dienste zĂ€hlen Alphabet mit Google Maps, Intel mit moovit sowie DiDi Chuxing und Lyft. Den Bereich Micromobility teilen die Akteure DiDi Chuxing, Meituan und Hello in China, Tier, Bolt und Lime in Europa sowie Lime und Bird in den USA unter sich auf.

Fahrdienstvermittlungen haben insgesamt das breiteste Service-Angebot. Die grĂ¶ĂŸten Plattformen besitzen weiterhin Uber und DiDi Chuxing, gefolgt von Akteuren wie DiDa Chuxing und T3 Mobility in China, Bolt, Free Now und BlaBlaCar in Europa, Grab in SĂŒdostasien sowie Ola in Indien. Die Vermittlung von On-Demand-Shuttles hat insgesamt noch keine breite Marktabdeckung. Autonome Fahrdienste nehmen eine Sonderrolle ein und werden mehrheitlich von chinesischen und US-amerikanischen Unternehmen dominiert. Der chinesische Anbieter Baidu bietet mit seinem Service Apollo Go die breiteste Abdeckung dicht gefolgt von Alphabet (Waymo) und GM (Cruise) aus den USA.

Tabelle 1: Übersicht relevanter Anbieter in den Service-Bereichen (2023)

Quelle: CAM

Ein immer hĂ€ufiger angewendetes strategisches Kernelement von MobilitĂ€tsdienstleistern ist der Auf- und Ausbau von sogenannten „Super Apps“. Dabei handelt es sich um mobile Endanwendungen, die ein breites Portfolio an unterschiedlichen Dienstleistungen, einschließlich der Abwicklung von Zahlungen und Finanztransaktionen, anbieten und damit wesentliche Bereiche des persönlichen und geschĂ€ftlichen Lebens abdecken. Aufgrund von Komfortaspekten werden „Lock-In-Effekte“ erzielt, die denselben Nutzer so oft wie möglich zur Plattform bringen und ihn so lange wie möglich aktiv halten. Bei einer hinreichend großen Nutzerbasis auf Angebots- und Nachfrageseite fĂŒhren diese Effekte wiederum zu einer Steigerung des Customer Lifetime Value und erhöhen die UmsĂ€tze aus Sicht des Plattformbetreibers.

In der Praxis ist dieses Vorgehen vor allem bei Fahrdienstvermittlern und multimodalen Plattformen zu beobachten. Unternehmen wie Uber und DiDi Chuxing bieten neben ihren Beförderungsdienstleistungen auch Essens-, Lebensmittel- oder sogar Paketlieferungen an. Dadurch stehen den Kunden mit einem Nutzeraccount verschiedene Angebote zur VerfĂŒgung, wĂ€hrend mit den Fahrzeugen und Fahrern in auslastungsschwachen Zeiten Zusatzverdienste erzielt werden können. Multimodale Plattformen wie Google Maps, Meituan oder DiDi Chuxing aggregieren nach dem Vorbild der chinesischen „WeChat“-App ein eigenes Service-Ökosystem, das neben mobilitĂ€tsbezogenen Diensten auch andere Lebensbereiche (z.B. Shopping) abdeckt. Aber selbst beim Carsharing wird das traditionelle GeschĂ€ft immer hĂ€ufiger um alternative Erlösmodelle ergĂ€nzt. So bietet etwa auch Miles zusĂ€tzlich zu seinem flexiblen Sharing-Angebot auch eine Auto-Abo-Option an. Am Beispiel Uber wird deutlich, dass sich diese Form der GeschĂ€ftsstrategie in der langen Frist auszahlen kann. So erzielte das Unternehmen im 1. Halbjahr 2023 erstmals aus eigener Kraft einen operativen Gewinn von 64 Mio. USD. Dieser Meilenstein ist zuvor noch keinem großen MobilitĂ€tsdienstleister gelungen.


Studienleiter Stefan Bratzel: „FĂŒr Anbieter von MobilitĂ€tsdienstleistungen schlĂ€gt die Stunde der Wahrheit. Die Hoffnungen einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und Nutzung von Sharing-Angeboten haben sich allenfalls nur in Teilbereichen erfĂŒllt. Wenigen Akteuren ist es bislang gelungen ein nachhaltig profitables GeschĂ€ftsmodell auf die Beine zu stellen. Und die Zeiten, in denen Investoren dank globaler Nullzinsen und aussichtsreicher Wachstumsprognosen fĂŒr geteilte MobilitĂ€tskonzepte in Geduld geĂŒbt waren, gehen zu Ende. Vieles spricht dafĂŒr, dass sich der Konsolidierungsprozess bei MobilitĂ€tsdienstleistern weiter beschleunigt. Sharing-Angebote können im MobilitĂ€tssystem eine wichtige Rolle spielen. Dazu braucht es jedoch ein klares Bekenntnis der Politik und eine professionelle politische Orchestrierung.“


PrĂ€sentation weiterer Kernergebnisse durch Prof. Dr. Stefan Bratzel auf dem Branchenevent Mobility Circle (www.mobility-circle.com) am 09.11.2023 in MĂŒnchen sowie ergĂ€nzende Insights ĂŒber das Fachmagazin automotiveIT (www.automotiveIT.eu)

Über die Studie:

Die Studienreihe MobilitySERVICES Report (MSR) wurde vom Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst. Sie untersucht im 5. Jahr in Folge die Entwicklungstrends von MobilitĂ€tsdienstleistungen in den wichtigsten globalen Marktregionen. Dazu wurden rund 280 Services in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste nach quantitativen und qualitativen Kriterien systematisch erfasst und bewertet. Die fĂŒnf Haupttypen wurden in 17 besonders relevante Servicetypen untergliedert, die sich wiederum auf circa 160 Akteure mit den einzelnen Dienstleistungen verteilen. Das Anbieterspektrum reicht dabei von Autobauern ĂŒber Digitalkonzerne bis hin zu Mobility-Startups. Besonderer Fokus wurde in diesem Jahr auf die Analyse der Wirtschaftlichkeit von MobilitĂ€tsdienstleistungen sowie den globalen Entwicklungsstand autonomer Fahrdienste gelegt. Der diesjĂ€hrige Report wagt außerdem erstmals einen Blick auf wesentliche Innovationstrends in den einzelnen Shared Mobility Bereichen und zeigt wichtige Entwicklungstrends im LĂ€ngsschnitt.

Mobility Services Report (MSR) 2023: Automobilhersteller verabschieden sich mehrheitlich von Shared Mobility

  • Automobilherstellern ist es bislang nicht gelungen sich zu erfolgreichen multimodalen Mobili- tĂ€tsdienstleistern zu transformieren. Sie richten sich strategisch neu aus, wobei drei Hand- lungsgruppen identifiziert werden können: RĂŒckzug, Stagnation und Expansion.
  • Die Mehrheit (u.a. BMW, Mercedes, VW) reduziert aufgrund mangelhafter Auslastung und Er- trĂ€ge die AktivitĂ€ten rund um MobilitĂ€tsdienstleistungen, wobei Stellantis als einziger OEM hohe Investitionen tĂ€tigt. Eine Reihe etablierter Akteure (u.a. Hyundai, Renault und Toyota) stagniert in der LĂ€ngsschnittbetrachtung und muss sich noch repositionieren.
  • GrundsĂ€tzlich ist der „Hype“ rund um integrierte MobilitĂ€tsdienstleistungen jedoch verflogen und die Konsolidierung der Branche ist im vollen Gange.
    PrÀsentation weiterer Kernergebnisse durch Prof. Dr. Stefan Bratzel auf dem Branchenevent
    Mobility Circle (www.mobility-circle.com) am 09.11.2023 in MĂŒnchen sowie ergĂ€nzende Insights ĂŒber das Fachmagazin automotiveIT (www.automotiveIT.eu)

Unter den Automobilherstellern herrschte noch bis vor wenigen Jahren das Bestreben, sich vom Pro- duktionsunternehmen in Richtung eines ganzheitlichen MobilitĂ€tsanbieters zu transformieren. Hier- fĂŒr grĂŒndeten zahlreiche OEMs Tochtergesellschaften oder kauften Unternehmen auf. Mittlerweile ist von dieser Euphorie nur noch wenig ĂŒbrig. Viele Jahre verlustreiche GeschĂ€fte mit Carsharing, Micromobility und anderen Diensten sowie das weit hinter den ursprĂŒnglichen Erwartungen zurĂŒck- gebliebene Marktwachstum hinterlassen ihre Spuren beim Mobility-Service-Engagement der etab- lierten Hersteller. WĂ€hrend die Mehrheit der OEMs sich strategisch zurĂŒckzieht und die BĂŒhne spe- zialisierten Online-Plattformen ĂŒberlĂ€sst, bleibt nur eine Minderheit weiterhin aktiv oder verfolgt sogar noch WachstumsplĂ€ne. Das sind die Ergebnisse des diesjĂ€hrigen Mobility Services Reports (MSR) 2023, der vom Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst wurde.
Im Rahmen der Studie wurden rund 280 MobilitĂ€tsdienstleistungen in den Bereichen Carsharing, Mul- timodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste von etwa 160 einzel- nen Akteuren untersucht, darunter auch 19 Automobilhersteller. Diese spielten in den vergangenen Jahren hinsichtlich der ServicestĂ€rke, d.h. der quantitativen und qualitativen Marktdurchdringung, eine wichtige Rolle. Mittlerweile zeigt sich jedoch am Beispiel des ehemals stark vertretenen Service- Bereichs Carsharing ein allgemeiner RĂŒckzugstrend: Mit Ausnahme von Stellantis und Renault fĂŒhren zahlreiche traditionelle Automobilhersteller Desinvestments durch und ziehen sich entweder ganz oder teilweise zurĂŒck. Der Verkauf von Share Now (BMW/Mercedes) an Stellantis, die Übernahme von WeShare (VW) durch Miles sowie die Konsolidierung chinesischer Sharing-Flotten von SAIC (EVCard), BAIC (Morefun) und Shouqi (GoFun) infolge geringer Auslastung und hoher Verluste gehören zu den prĂ€gendsten Beispielen.


Abbildung 1: LÀngsschnittanalyse der ServicestÀrke ausgewÀhlter OEMs (2019-2023)

Dieser Strategiewechsel hat zur Folge, dass die ServicestĂ€rke vieler Automobilhersteller in einer LĂ€ngsschnittanalyse mehrheitlich einbricht (vgl.Abbildung 1). Zur grĂ¶ĂŸten Gruppe der „Desinvestierer“ gehören insbesondere die deutschen OEMs Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen. UrsĂ€chlich hierfĂŒr sind vor allem die benannten VerkĂ€ufe von Share Now (BMW/Mercedes-Benz) und WeShare (VW). Im Ergebnis reicht es fĂŒr Mercedes noch fĂŒr Platz zwei in der Rangfolge der ServicestĂ€rke unter den OEMs mit 165 Indexpunkten (IP), wĂ€hrend BMW mit 124 IP auf Platz 3 folgt. Beide deutsche Premiumhersteller besitzen noch zusammen die Vermittlungs- und MultimodalitĂ€tsplattform Free Now, deren Marktdurchdringung jedoch im Zeitver- lauf ebenfalls abgenommen hat. Zudem besitzt Mercedes u.a. relevante Anteile am Chauffeursdienst StarRides in China. Auch die VW Group reduziert ihr Engagement bei MobilitĂ€tsdienstleistungen deut- lich und landet durch den Carsharig-Verkauf mit nunmehr 97 IP auf dem vierten Platz. Stellantis belegt hingegen als einziger OEM mit einer tendenziell steigenden ServicestĂ€rke und insgesamt 225 Index- punkten (IP) den ersten Platz. UrsĂ€chlich hierfĂŒr sind insbesondere die AktivitĂ€ten rund um Free2Move und Share Now, die verschmolzen und zu einer umfassenden MobilitĂ€tsplattform ausgebaut werden sollen. Auch der US-Autobauer GM steigert seine Service-BemĂŒhungen und landet dank des allmĂ€hlich breiteren und vereinzelt kommerziellen Angebots von autonomen Fahrdiensten ĂŒber die Tochterfirma Cruise mit 94 IP auf Rang 5 des Samples. Die dritte Gruppe der Akteure stagniert im Zeitverlauf: Hierzu zĂ€hlen Player wie Renault, Toyota und Hyundai, die allesamt wenige MobilitĂ€tsdienstleistungen anbieten und keine hohe Marktdurchdringungen erzielen.


Studienleiter Stefan Bratzel: „Automobilherstellern ist es bislang nicht gelungen sich zu erfolgreichen multimodalen MobilitĂ€tsdienstleistern zu transformieren. Nach hohen Verlusten durch verschiedene Engagements ĂŒberlassen sie das Thema der Mobility Services nunmehr ĂŒberwiegend den spezialisierten Mobility Providern und fokussieren sich auf das Kernprodukt Auto. Bei allen deutschen Herstellern ist entsprechend die Mobility-ServicestĂ€rke rĂŒcklĂ€ufig. Eine Ausnahme ist vor allem Stellantis, die mit ag- gressiven Investitions- und Wachstumsstrategien nun beweisen mĂŒssen, dass Automobilhersteller mit MobilitĂ€t als Dienstleistung erfolgreich sein können. GrundsĂ€tzlich ist der „Hype“ rund um integrierte MobilitĂ€tsdienstleistungen jedoch lĂ€ngst verflogen und die Konsolidierung der Branche ist vor dem Hin- tergrund steigender Zinsen im vollen Gange. Das bietet jedoch fĂŒr die Mobility Provider auch die Chance nach neuen Wegen fĂŒr eine produktiven Skalierung und nachhaltige Gewinne zu suchen.“

Über die Studie:
Die Studienreihe MobilitySERVICES Report (MSR) wurde vom Center of Automotive Management (CAM) in Ko- operation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst. Sie untersucht im 5. Jahr in Folge die Entwicklungstrends von MobilitĂ€tsdienstleistungen in den wichtigsten globalen Marktregionen. Dazu wurden rund 280 Services in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste nach quantitativen und qualitativen Kriterien systematisch erfasst und bewertet. Die fĂŒnf Haupttypen wurden in 17 besonders relevante Servicetypen untergliedert, die sich wiederum auf circa 160 Akteure mit den einzelnen Dienstleistungen verteilen. Das Anbieterspektrum reicht dabei von Autobauern ĂŒber Digitalkonzerne bis hin zu Mobility-Startups. Besonderer Fokus wurde in diesem Jahr auf die Analyse der Wirtschaftlichkeit von MobilitĂ€tsdienstleistungen sowie den globalen Entwicklungsstand autonomer Fahrdienste gelegt. Der diesjĂ€hrige Report wagt außerdem erstmals einen Blick auf wesentliche Innovationstrends in den einzelnen Shared Mobility Bereichen und zeigt wichtige Entwicklungstrends im LĂ€ngsschnitt.

AutomotiveINNOVATIONS Report 2023:

InnovationsstÀrke der globalen Automobilhersteller
im LĂ€ndervergleich

  • Die InnovationsstĂ€rke von chinesischen Autoherstellern ist im LĂ€ndergleich erstmals höher als die von deutschen OEMs.
  • Die chinesischen Automobilhersteller erreichen aktuell eine InnovationsstĂ€rke von 547 Indexpunkten (IP) und ĂŒberflĂŒgeln erstmals die deutschen OEMs, die nur auf einen Indexwert von 398 IP kommen.
  • In den Top-15 der innovationsstĂ€rksten Automobilhersteller befinden sich mittlerweile bereits sechs chinesische Unternehmen, allen voran Geely (3), SAIC (4) und BYD (8).

Die chinesischen Automobilhersteller haben im globalen LĂ€ndervergleich erstmals eine höhere InnovationsstĂ€rke als die deutschen OEMs. Auf China entfĂ€llt in der aktuellen Auswertung der Innovationen 37 Prozent der InnovationsstĂ€rke aller globalen Automobilhersteller, wĂ€hrend die bisherigen InnovationsfĂŒhrer aus Deutschland im zurĂŒckliegenden Jahr zusammen nur noch auf 27 Prozent kommen. Die US-amerikanischen Hersteller erreichen eine InnovationsstĂ€rke von 17 Prozent vor den japanischen OEM (8%) und den europĂ€ischen OEM (7%, ohne Deutschland) sowie SĂŒdkorea (4%) und Indien (1%). Die kontinuierliche Steigerung der Innovationskraft der chinesischen Automobilhersteller zeichnete sich seit Jahren ab und erreicht aktuell einen vorlĂ€ufigen Höhepunkt. Im Jahr 2019 lag die InnovationsstĂ€rke von China im Vergleich der Automobilregionen noch bei 20 Prozent und im Jahr 2016 nur bei 8 Prozent (vgl. Abbildung 1, Abbildung 3).

Das ist das Kernergebnis des aktuellen AutomotiveINNOVATIONS Report 2023 des Center of Automotive Management (CAM), indem die Innovationen von 29 globalen Automobilherstellern mit rund 90 Automobilmarken analysiert werden. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 788 einzelne Innovationen der Automobilhersteller in den Technologiefeldern Elektrifizierter Antrieb, Sicherheitssysteme/Autonomes Fahren, Interface & Connectivity sowie Connected Services nach quantitativen und qualitativen Kriterien bewertet. Unter Innovationen werden fahrzeugtechnische Neuerungen verstanden, die den Kundennutzen im Vergleich zum Status quo spĂŒrbar verbessern. Jede einzelne Innovation wird auf Basis des M.O.B.IL-Ansatzes nach Kriterien wie Reifegrad, OriginalitĂ€t, Kundennutzen und Innovationsgrad systematisch mit einem Index bewertet. Aus der Summe der gewichteten Neuerungen ergibt sich die InnovationsstĂ€rke eines Automobilherstellers und eines Landes. Die Studie wird seit dem Jahr 2005 regelmĂ€ĂŸig durchgefĂŒhrt.

Abbildung 1: InnovationsstÀrke der Automobilhersteller nach LÀndern an der Gesamt-InnovationsstÀrke des Jahres 2021-2022 (in Prozent)

Quelle: CAM

Die chinesischen Automobilhersteller erreichen aktuell eine InnovationsstĂ€rke von 547 Indexpunkten (IP) und ĂŒberflĂŒgeln erstmals die deutschen OEMs, die einen Indexwert von 398 IP erreichen. Im Vorjahr lag Deutschland mit 344 IP noch knapp vor China mit 328 IP. Die US-amerikanischen Hersteller rund um Tesla, GM und Ford kommen im Jahr 2022 auf 250 IP vor den japanischen Herstellern mit 119 IP (vgl. Abbildung 2).

Insgesamt konnten die chinesischen Automobilhersteller sowohl die Zahl als auch die QualitÀt ihrer Innovationen kontinuierlich steigern. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhten die chinesischen OEM die Zahl der Innovationen auf den Rekordwert von 265 Neuerungen (2021: 165), wÀhrend die deutschen Konzerne Volkswagen Group, Mercedes und BMW nur noch auf 216 Innovationen kommen (2021: 181). Die höchste InnovationsstÀrke unter den chinesischen Herstellern zeigte die Geely-Gruppe (u.a. Volvo, Zeekr, Polestar) mit 131 IP auf Rang 3, SAIC (u.a. MG, Maxus, R Auto) auf Rang 4 (98 IP) und BYD auf Rang 8 (75 IP). In den Top-15 der innovationsstÀrksten Automobilhersteller befinden sich mittlerweile bereits sechs chinesische Unternehmen.

Im Einzelvergleich der InnovationsstÀrke sind die deutschen Automobilkonzerne VW Group (Rang 1) und Mercedes (Rang 2) mit 160 bzw. 145 IP noch an der Spitze, hinzu kommt BMW mit 90 IP auf Rang 7. Insgesamt besitzen die deutschen Automobilhersteller eine hohe Innovationsbreite in den Technologiefeldern und Fahrzeugsegmenten und bringen die meisten Weltneuheiten hervor. Im letzten Jahr stammen 92 von 237 Weltneuheiten von deutschen Herstellern. Allerdings holen die chinesischen Hersteller auch bei der OriginalitÀt auf, die bereits auf 61 Weltneuheiten generieren.

Abbildung 2: InnovationsstÀrke der Automobilhersteller nach LÀndern an der Gesamt-InnovationsstÀrke des Jahres 2016-2022 (in %)

Besonders stark sind die chinesischen Automobilherstellern in den Zukunftsfeldern der ElektromobilitĂ€t sowie bei der Vernetzung. So erreichen chinesische OEM im Bereich der ElektromobilitĂ€t mit ihren Modellen hohe Reichweiten und Ladeleistungen (z.B. Zeekr 001/009 von Geely; Denza D9 von BYD) oder bringen, wie SAIC mit dem MG Mulan/MG 4, neue Cell-to-Pack Lösungen auf den Markt, wodurch sich die Energieeffizienz und die Kosten der Elektrofahrzeuge verbessern. Bereits im Jahr 2019 landete BYD im Ranking der innovationsstĂ€rksten Elektroautohersteller nach Tesla auf Rang 2. Im Bereich der Interfaces sowie der vernetzten Dienste werden ĂŒber Augmented Reality Lösungen im Head-Up-Display Warnungen vor Radfahrern oder Points-of-Interest wie Ladestationen sowie Einkaufsmöglichkeiten eingeblendet (z.B. R Auto von SAIC). Gleichzeitig sind die chinesischen Modelle hoch vernetzt (5G, OTA-UpdatefĂ€higkeit) und weisen seit Jahren ein Vielzahl von im Fahrzeug abrufbaren Services auf, von Karaoke-Funktionen ĂŒber Videostreaming und Gaming-Applikationen. Neuerungen bei Fahrerassistenzsystemen von chinesischen Modellen erhöhen den Komfort und die Sicherheit beim Fahren und Parken. Viele Innovationen werden durch die UnterstĂŒtzung von innovationsstarken chinesischen Zulieferern wie CATL oder Huawei erreicht oder auch in Kooperation von westlichen Zulieferunternehmen entwickelt.

Hierzu Studienleiter Stefan Bratzel: „Die chinesischen Automobilhersteller sind mittlerweile auch in punkto Innovation und QualitĂ€t mindestens auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern aus Deutschland und den USA. Die kontinuierliche Verbesserung der Innovationskraft der chinesischen Autohersteller in den Zukunftsfeldern verĂ€ndert zunehmend die Wettbewerbslandschaft im grĂ¶ĂŸten  Automobilmarkt China und zunehmend auch in Europa. FĂŒr die deutschen Automobilkonzerne birgt diese Entwicklung ein hohes Verwundbarkeitsrisiko. Um wettbewerbsfĂ€hig zu bleiben, mĂŒssen die deutschen Automobilhersteller mindestens so viel besser und innovativer sein wie sie teurer sind. Teilweise sind die deutschen Modelle jedoch nur noch teurer als die der Wettbewerber. Es ist ein Warnzeichen, wenn deutsche Automobilhersteller auf Entwicklungen von chinesischen Unternehmen aufbauen mĂŒssen, um wettbewerbsfĂ€hige Modelle anzubieten. Die InnovationsstĂ€rke der chinesischen Automobilhersteller markiert – neben Tesla – eine Zeitenwende in der globalen Automobilindustrie. Um nicht zu einer „verlĂ€ngerten Werkbank“ der globalen Automobilindustrie zu werden, muss Deutschland seine Innovationskraft in den Kernfeldern der ElektromobilitĂ€t, Vernetzung und des autonomen Fahrens erhöhen.“

AutomotiveINNOVATIONS Report 2023

Seit 2005 erhebt das CAM unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Bratzel die Produktinnovationen von globalen Automobilkonzernen und bewertet diese nach quantitativen und qualitativen Kriterien. FĂŒr das Jahr 2022/23 hat das CAM die Innovationen von 29 globalen Automobilherstellern und Newcomern mit rund 90 Automobilmarken analysiert. Dabei wurden insgesamt 788 einzelne OEM-Innovationen in den vier Award-Kategorien Elektrifizierter Antrieb, Sicherheitssysteme, Interface & Connectivity sowie Connected Services bewertet. Unter diesen befinden sich 237 Weltneuheiten. In die Evaluation flossen Kriterien wie Reifegrad, OriginalitĂ€t, Kundennutzen und Innovationsgrad ein.

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