Shared Mobility unter massivem Konsolidierungsdruck
- Eine mangelhafte Auslastung, hohe Betriebskosten, steigende Kapitalzinsen und allmĂ€hlich ungeduldige Investoren bewirken ĂŒbergreifende Konsolidierungstendenzen auf dem Shared-Mobility-Markt.
- Von den rund 280 einzeln untersuchten MobilitÀtsdienstleistungen in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility und Fahrdienstvermittlung kristallisieren sich nur wenige Akteure mit einer hohen Marktrelevanz heraus.
- Die Entwicklung und der Ausbau von umfassenden Service-Ăkosystemen und Super-Apps gelten als SchlĂŒssel zu einem nachhaltig profitablen GeschĂ€ftsmodell. Uber gelingt auf diese Weise als erstes Sharing-orientiertes Unternehmen der Durchbruch zu operativen Gewinnen.
Geteilte MobilitĂ€tskonzepte (âShared Mobilityâ) galten lange Zeit als groĂer Zukunfts- und Wachstumsmarkt. Nach mehr als 10 Jahren haben sie jedoch noch immer nicht den gesellschaftlichen Stellenwert erreicht, der ihnen ursprĂŒnglich prophezeit wurde. Stattdessen zeigt eine Bestandsaufnahme der Entwicklungstrends der letzten Jahre eindeutige SĂ€ttigungs- und Konsolidierungstendenzen ĂŒber verschiedene Service-Bereiche hinweg. In der Folge gibt es nur noch eine Handvoll bedeutsamer Akteure, die immer hĂ€ufiger hochspezialisiert sind und ĂŒber ausgeprĂ€gte Daten- und Plattform-Kompetenzen verfĂŒgen. Der strategische Schwerpunkt verlagert sich angesichts eines herausfordernden Konjunkturumfelds sowie zunehmenden Profitdrucks in Richtung sogenannter Super-Apps mit einem weitreichenden Service-Angebot. Diese kristallisieren sich als wesentlicher Erfolgsfaktor fĂŒr die dauerhafte ProfitabilitĂ€t von MobilitĂ€tsdienstleistern. Das sind die zentralen Ergebnisse des diesjĂ€hrigen Mobility Services Reports (MSR) 2023, der vom Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst wurde.
Ăber eine Stichprobe von rund 280 MobilitĂ€tsdienstleistungen in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste lassen sich ĂŒbergreifende Konsolidierungsbewegungen registrieren. Beispielsweise reduziert sich die Anzahl relevanter Anbieter auf dem Carsharing-Markt spĂŒrbar durch ĂbernahmeaktivitĂ€ten (z.B. Miles akquiriert WeShare) und RĂŒckzugsbewegungen (z.B. SAIC, BAIC und Shouqi in China) infolge mangelnder Nachfrage. Damit bleibt das GeschĂ€ftsmodell mit geteilten Pkw ein weitestgehend europĂ€isches PhĂ€nomen mit ĂŒberwiegend linearem Wachstum auf noch niedrigem Niveau. Doch auch hierzulande haben etablierte Anbieter mit einem hohem Kostendruck und ĂŒberschaubaren Einnahmen zu kĂ€mpfen. Selbst der fĂŒhrende Anbieter Miles, der nach eigenen Angaben bereits 2021 den Break-Even-Punkt erreichte, fuhr im vergangenen Jahr nur knapp einen unbereinigten Gewinn ein. Konsolidierungstendenzen lassen sich auch bei Micromobility erkennen. Hier reduziert sich die bereitgestellte Flotte in Europa erstmals, zudem berichten die Akteure auch im Wachstumsmarkt Nordamerika ĂŒber schwache Auslastungszahlen ihrer Fahrzeuge. Hinzu kommt eine Stagnation bzw. Reduzierung des Angebots von IntermodalitĂ€t und MobilitĂ€tsflatrates.
In Summe gibt es pro Service-Bereich und Region nur noch wenige relevante Akteure (vgl. Tabelle 1). Beim Carsharing dominieren die Anbieter Miles und ShareNow/Free2move (Free-floating), Cambio und zipcar (Stationsbasiert) sowie Turo und getaround (Peer-to-Peer). Zu den fĂŒhrenden Anbietern multimodaler Routing- und Provider-Dienste zĂ€hlen Alphabet mit Google Maps, Intel mit moovit sowie DiDi Chuxing und Lyft. Den Bereich Micromobility teilen die Akteure DiDi Chuxing, Meituan und Hello in China, Tier, Bolt und Lime in Europa sowie Lime und Bird in den USA unter sich auf.
Fahrdienstvermittlungen haben insgesamt das breiteste Service-Angebot. Die gröĂten Plattformen besitzen weiterhin Uber und DiDi Chuxing, gefolgt von Akteuren wie DiDa Chuxing und T3 Mobility in China, Bolt, Free Now und BlaBlaCar in Europa, Grab in SĂŒdostasien sowie Ola in Indien. Die Vermittlung von On-Demand-Shuttles hat insgesamt noch keine breite Marktabdeckung. Autonome Fahrdienste nehmen eine Sonderrolle ein und werden mehrheitlich von chinesischen und US-amerikanischen Unternehmen dominiert. Der chinesische Anbieter Baidu bietet mit seinem Service Apollo Go die breiteste Abdeckung dicht gefolgt von Alphabet (Waymo) und GM (Cruise) aus den USA.
Tabelle 1: Ăbersicht relevanter Anbieter in den Service-Bereichen (2023)

Quelle: CAM
Ein immer hĂ€ufiger angewendetes strategisches Kernelement von MobilitĂ€tsdienstleistern ist der Auf- und Ausbau von sogenannten âSuper Appsâ. Dabei handelt es sich um mobile Endanwendungen, die ein breites Portfolio an unterschiedlichen Dienstleistungen, einschlieĂlich der Abwicklung von Zahlungen und Finanztransaktionen, anbieten und damit wesentliche Bereiche des persönlichen und geschĂ€ftlichen Lebens abdecken. Aufgrund von Komfortaspekten werden âLock-In-Effekteâ erzielt, die denselben Nutzer so oft wie möglich zur Plattform bringen und ihn so lange wie möglich aktiv halten. Bei einer hinreichend groĂen Nutzerbasis auf Angebots- und Nachfrageseite fĂŒhren diese Effekte wiederum zu einer Steigerung des Customer Lifetime Value und erhöhen die UmsĂ€tze aus Sicht des Plattformbetreibers.
In der Praxis ist dieses Vorgehen vor allem bei Fahrdienstvermittlern und multimodalen Plattformen zu beobachten. Unternehmen wie Uber und DiDi Chuxing bieten neben ihren Beförderungsdienstleistungen auch Essens-, Lebensmittel- oder sogar Paketlieferungen an. Dadurch stehen den Kunden mit einem Nutzeraccount verschiedene Angebote zur VerfĂŒgung, wĂ€hrend mit den Fahrzeugen und Fahrern in auslastungsschwachen Zeiten Zusatzverdienste erzielt werden können. Multimodale Plattformen wie Google Maps, Meituan oder DiDi Chuxing aggregieren nach dem Vorbild der chinesischen âWeChatâ-App ein eigenes Service-Ăkosystem, das neben mobilitĂ€tsbezogenen Diensten auch andere Lebensbereiche (z.B. Shopping) abdeckt. Aber selbst beim Carsharing wird das traditionelle GeschĂ€ft immer hĂ€ufiger um alternative Erlösmodelle ergĂ€nzt. So bietet etwa auch Miles zusĂ€tzlich zu seinem flexiblen Sharing-Angebot auch eine Auto-Abo-Option an. Am Beispiel Uber wird deutlich, dass sich diese Form der GeschĂ€ftsstrategie in der langen Frist auszahlen kann. So erzielte das Unternehmen im 1. Halbjahr 2023 erstmals aus eigener Kraft einen operativen Gewinn von 64 Mio. USD. Dieser Meilenstein ist zuvor noch keinem groĂen MobilitĂ€tsdienstleister gelungen.
Studienleiter Stefan Bratzel: âFĂŒr Anbieter von MobilitĂ€tsdienstleistungen schlĂ€gt die Stunde der Wahrheit. Die Hoffnungen einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und Nutzung von Sharing-Angeboten haben sich allenfalls nur in Teilbereichen erfĂŒllt. Wenigen Akteuren ist es bislang gelungen ein nachhaltig profitables GeschĂ€ftsmodell auf die Beine zu stellen. Und die Zeiten, in denen Investoren dank globaler Nullzinsen und aussichtsreicher Wachstumsprognosen fĂŒr geteilte MobilitĂ€tskonzepte in Geduld geĂŒbt waren, gehen zu Ende. Vieles spricht dafĂŒr, dass sich der Konsolidierungsprozess bei MobilitĂ€tsdienstleistern weiter beschleunigt. Sharing-Angebote können im MobilitĂ€tssystem eine wichtige Rolle spielen. Dazu braucht es jedoch ein klares Bekenntnis der Politik und eine professionelle politische Orchestrierung.â
PrĂ€sentation weiterer Kernergebnisse durch Prof. Dr. Stefan Bratzel auf dem Branchenevent Mobility Circle (www.mobility-circle.com) am 09.11.2023 in MĂŒnchen sowie ergĂ€nzende Insights ĂŒber das Fachmagazin automotiveIT (www.automotiveIT.eu)
Ăber die Studie:
Die Studienreihe MobilitySERVICES Report (MSR) wurde vom Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst. Sie untersucht im 5. Jahr in Folge die Entwicklungstrends von MobilitĂ€tsdienstleistungen in den wichtigsten globalen Marktregionen. Dazu wurden rund 280 Services in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste nach quantitativen und qualitativen Kriterien systematisch erfasst und bewertet. Die fĂŒnf Haupttypen wurden in 17 besonders relevante Servicetypen untergliedert, die sich wiederum auf circa 160 Akteure mit den einzelnen Dienstleistungen verteilen. Das Anbieterspektrum reicht dabei von Autobauern ĂŒber Digitalkonzerne bis hin zu Mobility-Startups. Besonderer Fokus wurde in diesem Jahr auf die Analyse der Wirtschaftlichkeit von MobilitĂ€tsdienstleistungen sowie den globalen Entwicklungsstand autonomer Fahrdienste gelegt. Der diesjĂ€hrige Report wagt auĂerdem erstmals einen Blick auf wesentliche Innovationstrends in den einzelnen Shared Mobility Bereichen und zeigt wichtige Entwicklungstrends im LĂ€ngsschnitt.