Bergisch Gladbach, 2. November 2026

Deutsche Autoindustrie bestimmt das Tempo beim „Connected Car“ – aber eine neue Studie zeigt, dass sie fĂŒr die Zukunft weniger gut gerĂŒstet sind

  • Volkswagen ist heute der innovationsstĂ€rkste Konzern bei vernetzten Autos, fĂ€llt bei der ZukunftsfĂ€higkeit aber auf Rang 14 zurĂŒck. Große Volumenhersteller werden durch etablierte Strukturen gebremst.
  • Die Studie des Center of Automotive Management (CAM) zeigt auf, welche Automobilhersteller am besten fĂŒr softwaredefinierte Fahrzeuge (Software-Defined Vehicle / SDV) vorbereitet sind.
  • Innovationen entstehen zunehmend im nahtlosen Zusammenspiel aus Fahrzeug, Cloud- und KI-Infrastruktur sowie digitalen Ökosystemen, kommentiert ein Cisco-Experte.

Die globale Automotive-Industrie steht an einem kritischen Wendepunkt bei der Frage, wer die FĂŒhrung beim Thema „Connected Car“ ĂŒbernimmt. WĂ€hrend bisher deutsche Automobilkonzerne fĂŒhrend waren, werden sie in Zukunft wahrscheinlich stĂ€rker zurĂŒckfallen, als erwartet. Als Beleg fĂŒr diese Entwicklung dienen zwei Indizes, die die heute marktreifen Connected-Car-Innovationen (CCI) mit der zukĂŒnftigen FĂ€higkeit fĂŒr derartige Innovationen im softwaredefinierten Fahrzeug (Connected Car Readiness – CCR) vergleicht. Im CCI-Ranking belegen Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW fĂŒr 2021 bis 2025 die ersten drei PlĂ€tze. Bei der Connected Car Readiness (CCR) zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Die Spitzengruppe wird von Software-nativen Herstellern angefĂŒhrt, sieben der zehn bestplatzierten OEMs (Original Equipment Manufacturer) stammen aus China. BMW ist mit 80 Prozent der beste deutsche Konzern auf Rang zehn, Mercedes-Benz erreicht mit 73 Prozent Rang zwölf, Volkswagen mit 47 Prozent Rang 14. Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie „Connected Car Innovation 2026“ des Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit dem IT-InfrastrukturausrĂŒster Cisco.

Die gesamte Studie kann hier heruntergeladen werden.

Hintergrund / Details zur Studie

Heutige InnovationsstĂ€rke ist kein Garant fĂŒr die Zukunft

Deutsche Hersteller sind beim heutigen Innovationsoutput stark – doch diese Position garantiert nicht, dass sie auch bei der nĂ€chsten Entwicklungsstufe vorn bleiben. Wie weit heutige InnovationsstĂ€rke und kĂŒnftige WettbewerbsfĂ€higkeit auseinanderliegen, zeigt ein genauerer Blick auf die Ergebnisse. Bei der Connected-Car-InnovationsstĂ€rke von 2021 bis 2025 fĂŒhrt Volkswagen das Ranking vor Mercedes-Benz und BMW an. Grund dafĂŒr ist eine ausgewogene AuffĂ€cherung der Innovationen ĂŒber die Technologiefelder, insbesondere bei Interfaces, Connectivity und Fahrerassistenz, sowie eine Vielzahl hoch bewerteter Weltneuheiten. Dieser Erfolg basiert jedoch ĂŒberwiegend auf der bisherigen Hardware-Zentrierung mit hohen Kosten, relativ geringer FlexibilitĂ€t und langen Entwicklungszyklen. Bei der Connected Car Readiness kehrt sich die Reihenfolge um: BMW liegt vor Mercedes-Benz, Volkswagen folgt mit 47 Prozent und deutlichem Abstand auf Rang 14. Der heutige Vorsprung beim Output ist damit das Ergebnis frĂŒherer Weichenstellungen und kein Garant fĂŒr die Zukunft. Eine sehr hohe Relevanz fĂŒr den mittel- und langfristigen Erfolg ist die FĂ€higkeit der OEMs, Innovationen dauerhaft, kostengĂŒnstig sowie flexibel und skalierbar hervorzubringen.

Abbildung 1: Connected Car Innovationsindex 2021-25

Im LĂ€ndervergleich hat sich China seit Ende der 2010er Jahre zur fĂŒhrenden Innovationsregion im Connected-Car-Bereich entwickelt. Insbesondere in den Bereichen KI, digitale Cockpits, ADAS und EV-Ökosysteme erzielen chinesische OEMs die höchste Innovationsdynamik. Doch Deutschland bleibt ein zentraler Innovationstreiber und hat nach einem RĂŒckgang bis 2023 wieder aufgeholt. Im Jahr 2025 stieg die kumulierte InnovationsstĂ€rke deutscher OEMs erneut deutlich an, so dass sich der Abstand zu China weiter verringert. Die Innovationsschwerpunkte verschieben sich dabei von Hardware zu Software und digitalen Diensten. So prĂ€gen Connected-Car-Funktionen, OTA (Over-the-Air)-Updates, KI-basierte Assistenten und intelligente Fahrzeugplattformen zunehmend die WettbewerbsfĂ€higkeit.

„Innovationen entstehen gerade jetzt im KI-Zeitalter zunehmend im Zusammenspiel von Fahrzeug, Cloud und digitalen Ökosystemen“, analysiert Peter Laxy, Automotive-Experte bei Cisco Deutschland. „Der Kundennutzen wird immer stĂ€rker durch kontinuierliche Software-Weiterentwicklungen geschaffen. Das geht nur noch mit voll-vernetzten Fahrzeugen.“

Software-native Hersteller am stÀrksten zukunftsfÀhig

An der Spitze der zukunftsweisenden Connected Car Readiness stehen somit Hersteller, die das Fahrzeug konsequent um die Software herum entwickeln. Xiaopeng und Xiaomi erreichen einen CCR-Indexwert von jeweils 97 Prozent. Dahinter folgen Tesla, Nio und Li Auto mit je 93 Prozent sowie Rivian und die HIMA-Allianz um Huawei mit je 90 Prozent. Diese Hersteller verbinden moderne SDV (Software Defined Vehicle)-Architekturen mit hoher KI-Integration, ausgeprÀgter OTA-Kompetenz und einer softwarezentrierten Organisation.

Abbildung 2: Connected Car Readiness – CCR-Ranking 2026

Quelle: CAM

Sieben der zehn bestplatzierten Hersteller stammen aus China. Die CCR spiegelt damit eine Entwicklung wider, die sich auch beim Innovations-Output zeigt: Im LĂ€ndervergleich hat China die ĂŒber Jahre fĂŒhrende deutsche Automobilindustrie als InnovationsfĂŒhrer beim Connected Car abgelöst. Chinesische Hersteller vereinen aktuell knapp 41 Prozent der globalen InnovationsstĂ€rke auf sich, deutsche Hersteller 35 Prozent. Bemerkenswert ist Tesla: Die Innovationsdynamik des US-Herstellers ist zuletzt deutlich abgeflacht, bei den strukturellen Voraussetzungen gehört er aber weiterhin zur Spitzengruppe.

Cybersicherheit wird zur Standortfrage

Je stĂ€rker Fahrzeuge vernetzt sind und per Software gesteuert werden, desto wichtiger wird die Cybersicherheit. Moderne Fahrzeuge erfassen ĂŒber Kameras, Sensoren und Ortungsdaten fortlaufend ihre Umgebung. Über Over-the-Air-Updates können Hersteller zudem jederzeit aus der Ferne auf zentrale Fahrzeugfunktionen zugreifen. Ein aktueller Fall aus Norwegen zeigt, was das in der Praxis bedeuten kann: Bei der MilitĂ€rĂŒbung „Hovedstad“ im September zeichneten Mietwagen der Heimwehr, darunter mindestens zwei Fahrzeuge der Changan-Marke Deepal, laut Dagens NĂŠringsliv Bewegungen von Soldaten und an Kasernentoren eingegebene Sicherheitscodes auf. Hinweise auf eine gezielte Datenabschöpfung gibt es nicht. Der Fall zeigt aber, dass das Fahrzeug selbst zum Sicherheitsrisiko werden kann. Besonders bei Herstellern aus Staaten, deren Gesetze Unternehmen zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen verpflichten können, stellt sich die Frage, wer Zugriff auf Fahrzeugdaten und Software hat. Das gilt umso mehr, als Fahrzeuge zunehmend mit kritischer Infrastruktur verbunden sind: mit Ladenetzen, dem Stromnetz, mit Verkehrssteuerung und Mobilfunknetzen. Die USA haben bereits reagiert und verbieten ab Modelljahr 2027 schrittweise Software und Hardware fĂŒr vernetzte Fahrzeuge aus China und Russland.

„Das vernetzte Auto ist ein rollendes Rechenzentrum mit Kameras, Sensoren und permanenter Verbindung zu den Servern des Herstellers. Wer Zugriff auf Daten und Software hat, kann im Zweifel auch auf Fahrzeugfunktionen und angebundene Infrastruktur zugreifen“, warnt Prof. Dr. Stefan Bratzel. „Die Politik muss deshalb klare und ĂŒberprĂŒfbare Regeln schaffen, unabhĂ€ngig vom Herkunftsland des Herstellers. Datensicherheit, Fahrzeugsicherheit und der Schutz kritischer Infrastrukturen dĂŒrfen nicht dem Zufall ĂŒberlassen werden. Dazu gehören transparente DatenflĂŒsse, Datenspeicherung in Europa, unabhĂ€ngige PrĂŒfungen von Software und Updates sowie klare Vorgaben fĂŒr den Einsatz von Fahrzeugen in sicherheitsrelevanten Bereichen. Technologische Offenheit und Wettbewerb sind wichtig, aber nicht um den Preis der Sicherheit.“ Dass eine rein softwarezentrierte Fahrzeugentwicklung auch aus Sicht der Kunden auch Risiken bringen kann, hat eine weitere Studie von CAM und Cisco bereits 2024 gezeigt. 77 Prozent der befragten Deutschen sahen damals Cybersicherheit im Fahrzeug als ein wichtiges Thema, um das sich die Fahrzeughersteller kĂŒmmern sollten. 40 Prozent sahen damals vernetzte Fahrzeuge mit Software-Updates als Bedrohung an Mercedes, BMW und VW bekamen bei QualitĂ€t der Cybersicherheit und Datenschutz das grĂ¶ĂŸte Vertrauen, chinesische Hersteller lagen ganz hinten.

Deutsche Premiumhersteller in Schlagdistanz

Die Verfolgergruppe mit einem CCR-Indexwert von mindestens 70 Prozent liegt noch in Schlagdistanz zur Spitze. Dazu zÀhlen BYD und SAIC (je 87 Prozent), BMW und Geely (je 80 Prozent) sowie Mercedes-Benz (73 Prozent). BMW ist damit auf Rang zehn der beste deutsche Konzern, Mercedes-Benz folgt auf Rang zwölf. Die etablierten Premiumhersteller profitieren von neuen SDV-Plattformen und ihrer organisatorischen Transformation, etwa mit der Neuen Klasse bei BMW und dem Betriebssystem MB.OS bei Mercedes-Benz.

„BMW und Mercedes-Benz haben mit ihren neuen Software Defined Vehicle-Plattformen wichtige Weichen gestellt und den Anschluss an die Spitze gehalten. Entscheidend wird nun sein, wie schnell sie diese Architekturen in die Breite ihrer Modellpalette bringen und ihre Organisation konsequent auf Software ausrichten“, erklĂ€rt Prof. Dr. Stefan Bratzel, Direktor des CAM und Leiter der Studie.

„Die heutige InnovationsstĂ€rke allein genĂŒgt den deutschen Autobauern nicht mehr. Nachhaltig wettbewerbsfĂ€hig ist nur, wer eine hohe Innovationsleistung mit einer KI-fĂ€higen Infrastruktur und leistungsfĂ€higer „Software Defined Vehicle“-Strategie verbindet – also mit moderner Softwarearchitektur, KI-fĂ€higen Netzwerken und starken Partnerschaften. Hier haben viele etablierte Hersteller, gerade im Volumensegment, noch deutlichen Nachholbedarf. Insbesondere muss der gesamte Lebenszyklus des Fahrzeugs in den Fokus gerĂŒckt werden, denn genau dort entstehen heute neue Wertschöpfungsketten und zusĂ€tzliche Einnahmequellen fĂŒr die Automobilhersteller“, so Peter Laxy

Die großen Volumenkonzerne werden bei den Input-Faktoren gebremst: Komplexe Legacy-Strukturen und mehrere parallele Plattformen erschweren den Umstieg auf eine einheitliche SDV-Architektur, organisatorische Silos verlangsamen die Transformation. Wer mehrere Fahrzeugplattformen parallel betreibt und Software in getrennten Einheiten entwickelt, kann neue Funktionen nur mit hohem Aufwand ĂŒber die gesamte Flotte ausrollen.

Entscheidende Faktoren fĂŒr die Zukunft

Über die kĂŒnftige WettbewerbsfĂ€higkeit beim softwaredefinierten Fahrzeug entscheiden die richtigen Kompetenzen fĂŒr ĂŒbergreifende SDV-Plattformen und KI sowie Partnerschaften, Kultur und Organisation. Hier sind software-native Hersteller wie Xiaopeng und Xiaomi am besten aufgestellt. Funktionen, die frĂŒher fest mit der Hardware verbunden waren, werden heute per Software gesteuert, ĂŒber Over-the-Air-Updates erweitert und immer hĂ€ufiger mit KĂŒnstlicher Intelligenz verknĂŒpft. FĂŒr die Hersteller bedeutet das einen tiefgreifenden Umbau: Entwicklungszyklen werden kĂŒrzer, Kompetenzen verschieben sich von der Mechanik zur Software, und die Zusammenarbeit mit Technologiepartnern gewinnt an Bedeutung.

Methodik der Studie

Die Studie betrachtet den Wandel in der weltweiten Automobilindustrie aus zwei Perspektiven. Der Innovations-Output, gemessen an ĂŒber 2.500 marktreifen Connected-Car-Innovationen von 30 Konzernen aus den Jahren 2021 bis 2025, erklĂ€rt die heutige Marktposition der Hersteller. Die Connected Car Readiness setzt dagegen bei den Input-Faktoren an, also bei Kompetenzen, Ressourcen und Organisation. Sie zeigt, wer die Voraussetzungen fĂŒr die Innovationen von morgen geschaffen hat, und bestimmt damit die kĂŒnftige Wettbewerbsposition.

Grundlage der CCR ist das KoKoKO-Modell des CAM (Kompetenzen – Kooperationen – Kultur/Organisation). FĂŒr 20 ausgewĂ€hlte Hersteller wurden 57 Einzelfaktoren empirisch erhoben und zu vier gewichteten Kriterien verdichtet:

  • SDV Hard- und Software (40 Prozent): moderne Softwarearchitektur, SDV-Plattformen und OTA-Kompetenz
  • AI-Integration (20 Prozent): Einsatz von KĂŒnstlicher Intelligenz in Fahrzeug und Entwicklung
  • Partner-Netzwerk (20 Prozent): Kooperationen mit Technologie-, Software- und Infrastrukturpartnern
  • Kultur und Organisation (20 Prozent): softwareorientierte Organisation und TransformationsfĂ€higkeit

Mit 40 Prozent fließt die SDV Hard- und Software am stĂ€rksten in die Bewertung ein. Sie bildet die technologische Basis, auf der KI-Anwendungen, Partnerlösungen und neue digitale Dienste aufsetzen. Die ĂŒbrigen drei Kriterien sind gleich gewichtet.

Über die Studie

Die Studie Connected Car Innovation (CCI) erscheint jĂ€hrlich. Sie analysiert, wie sich vernetzte und softwaredefinierte Fahrzeuge entwickeln und wie leistungs- und zukunftsfĂ€hig die Automobilhersteller in diesem Feld sind. Datenbasis ist die AutomotiveINNOVATIONS-Datenbank des CAM, in der Neuerungen von rund 100 Automobilmarken laufend erfasst und bewertet werden. FĂŒr die Ausgabe 2026 wurden mehr als 2.500 Connected-Car-Innovationen ausgewertet, die 30 Automobilkonzerne zwischen 2021 und 2025 in Serie gebracht haben. Die Connected Car Readiness ergĂ€nzt diese Output-Betrachtung um die Input-Seite: Auf Grundlage des KoKoKO-Modells bewertet sie 20 ausgewĂ€hlte Hersteller anhand von 57 Einzelfaktoren, die zu vier gewichteten Kriterien zusammengefasst werden.

Über das Center of Automotive Management (CAM)

Das Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach ist ein unabhĂ€ngiges Forschungsinstitut. Es forscht empirisch zu Automobilindustrie und MobilitĂ€t und berĂ€t Unternehmen in strategischen Fragen. Im Mittelpunkt stehen Innovationstrends und Erfolgsfaktoren rund um ElektromobilitĂ€t, softwaredefiniertes Fahrzeug, autonomes Fahren und MobilitĂ€tsdienstleistungen. Grundlage der Arbeit sind langjĂ€hrige Branchenexpertise und eigene Datenbanken, etwa zu fahrzeugtechnischen Innovationen der weltweiten Automobilhersteller und zu Mobility Services. Darauf aufbauend entwickelt das Institut Marktforschungskonzepte und praxisnahe Lösungen fĂŒr Unternehmen der Automobil- und MobilitĂ€tsbranche.

Kontakt

Center of Automotive Management (CAM)

Prof. Dr. Stefan Bratzel

Tel.: (0 22 02) 28 57 70 – E-Mail: stefan.bratzel@auto-institut.de            
www.auto-institut.de