• Automobilherstellern ist es bislang nicht gelungen sich zu erfolgreichen multimodalen Mobili- tĂ€tsdienstleistern zu transformieren. Sie richten sich strategisch neu aus, wobei drei Hand- lungsgruppen identifiziert werden können: RĂŒckzug, Stagnation und Expansion.
  • Die Mehrheit (u.a. BMW, Mercedes, VW) reduziert aufgrund mangelhafter Auslastung und Er- trĂ€ge die AktivitĂ€ten rund um MobilitĂ€tsdienstleistungen, wobei Stellantis als einziger OEM hohe Investitionen tĂ€tigt. Eine Reihe etablierter Akteure (u.a. Hyundai, Renault und Toyota) stagniert in der LĂ€ngsschnittbetrachtung und muss sich noch repositionieren.
  • GrundsĂ€tzlich ist der „Hype“ rund um integrierte MobilitĂ€tsdienstleistungen jedoch verflogen und die Konsolidierung der Branche ist im vollen Gange.
    PrÀsentation weiterer Kernergebnisse durch Prof. Dr. Stefan Bratzel auf dem Branchenevent
    Mobility Circle (www.mobility-circle.com) am 09.11.2023 in MĂŒnchen sowie ergĂ€nzende Insights ĂŒber das Fachmagazin automotiveIT (www.automotiveIT.eu)

Unter den Automobilherstellern herrschte noch bis vor wenigen Jahren das Bestreben, sich vom Pro- duktionsunternehmen in Richtung eines ganzheitlichen MobilitĂ€tsanbieters zu transformieren. Hier- fĂŒr grĂŒndeten zahlreiche OEMs Tochtergesellschaften oder kauften Unternehmen auf. Mittlerweile ist von dieser Euphorie nur noch wenig ĂŒbrig. Viele Jahre verlustreiche GeschĂ€fte mit Carsharing, Micromobility und anderen Diensten sowie das weit hinter den ursprĂŒnglichen Erwartungen zurĂŒck- gebliebene Marktwachstum hinterlassen ihre Spuren beim Mobility-Service-Engagement der etab- lierten Hersteller. WĂ€hrend die Mehrheit der OEMs sich strategisch zurĂŒckzieht und die BĂŒhne spe- zialisierten Online-Plattformen ĂŒberlĂ€sst, bleibt nur eine Minderheit weiterhin aktiv oder verfolgt sogar noch WachstumsplĂ€ne. Das sind die Ergebnisse des diesjĂ€hrigen Mobility Services Reports (MSR) 2023, der vom Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst wurde.
Im Rahmen der Studie wurden rund 280 MobilitĂ€tsdienstleistungen in den Bereichen Carsharing, Mul- timodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste von etwa 160 einzel- nen Akteuren untersucht, darunter auch 19 Automobilhersteller. Diese spielten in den vergangenen Jahren hinsichtlich der ServicestĂ€rke, d.h. der quantitativen und qualitativen Marktdurchdringung, eine wichtige Rolle. Mittlerweile zeigt sich jedoch am Beispiel des ehemals stark vertretenen Service- Bereichs Carsharing ein allgemeiner RĂŒckzugstrend: Mit Ausnahme von Stellantis und Renault fĂŒhren zahlreiche traditionelle Automobilhersteller Desinvestments durch und ziehen sich entweder ganz oder teilweise zurĂŒck. Der Verkauf von Share Now (BMW/Mercedes) an Stellantis, die Übernahme von WeShare (VW) durch Miles sowie die Konsolidierung chinesischer Sharing-Flotten von SAIC (EVCard), BAIC (Morefun) und Shouqi (GoFun) infolge geringer Auslastung und hoher Verluste gehören zu den prĂ€gendsten Beispielen.


Abbildung 1: LÀngsschnittanalyse der ServicestÀrke ausgewÀhlter OEMs (2019-2023)

Dieser Strategiewechsel hat zur Folge, dass die ServicestĂ€rke vieler Automobilhersteller in einer LĂ€ngsschnittanalyse mehrheitlich einbricht (vgl.Abbildung 1). Zur grĂ¶ĂŸten Gruppe der „Desinvestierer“ gehören insbesondere die deutschen OEMs Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen. UrsĂ€chlich hierfĂŒr sind vor allem die benannten VerkĂ€ufe von Share Now (BMW/Mercedes-Benz) und WeShare (VW). Im Ergebnis reicht es fĂŒr Mercedes noch fĂŒr Platz zwei in der Rangfolge der ServicestĂ€rke unter den OEMs mit 165 Indexpunkten (IP), wĂ€hrend BMW mit 124 IP auf Platz 3 folgt. Beide deutsche Premiumhersteller besitzen noch zusammen die Vermittlungs- und MultimodalitĂ€tsplattform Free Now, deren Marktdurchdringung jedoch im Zeitver- lauf ebenfalls abgenommen hat. Zudem besitzt Mercedes u.a. relevante Anteile am Chauffeursdienst StarRides in China. Auch die VW Group reduziert ihr Engagement bei MobilitĂ€tsdienstleistungen deut- lich und landet durch den Carsharig-Verkauf mit nunmehr 97 IP auf dem vierten Platz. Stellantis belegt hingegen als einziger OEM mit einer tendenziell steigenden ServicestĂ€rke und insgesamt 225 Index- punkten (IP) den ersten Platz. UrsĂ€chlich hierfĂŒr sind insbesondere die AktivitĂ€ten rund um Free2Move und Share Now, die verschmolzen und zu einer umfassenden MobilitĂ€tsplattform ausgebaut werden sollen. Auch der US-Autobauer GM steigert seine Service-BemĂŒhungen und landet dank des allmĂ€hlich breiteren und vereinzelt kommerziellen Angebots von autonomen Fahrdiensten ĂŒber die Tochterfirma Cruise mit 94 IP auf Rang 5 des Samples. Die dritte Gruppe der Akteure stagniert im Zeitverlauf: Hierzu zĂ€hlen Player wie Renault, Toyota und Hyundai, die allesamt wenige MobilitĂ€tsdienstleistungen anbieten und keine hohe Marktdurchdringungen erzielen.


Studienleiter Stefan Bratzel: „Automobilherstellern ist es bislang nicht gelungen sich zu erfolgreichen multimodalen MobilitĂ€tsdienstleistern zu transformieren. Nach hohen Verlusten durch verschiedene Engagements ĂŒberlassen sie das Thema der Mobility Services nunmehr ĂŒberwiegend den spezialisierten Mobility Providern und fokussieren sich auf das Kernprodukt Auto. Bei allen deutschen Herstellern ist entsprechend die Mobility-ServicestĂ€rke rĂŒcklĂ€ufig. Eine Ausnahme ist vor allem Stellantis, die mit ag- gressiven Investitions- und Wachstumsstrategien nun beweisen mĂŒssen, dass Automobilhersteller mit MobilitĂ€t als Dienstleistung erfolgreich sein können. GrundsĂ€tzlich ist der „Hype“ rund um integrierte MobilitĂ€tsdienstleistungen jedoch lĂ€ngst verflogen und die Konsolidierung der Branche ist vor dem Hin- tergrund steigender Zinsen im vollen Gange. Das bietet jedoch fĂŒr die Mobility Provider auch die Chance nach neuen Wegen fĂŒr eine produktiven Skalierung und nachhaltige Gewinne zu suchen.“

Über die Studie:
Die Studienreihe MobilitySERVICES Report (MSR) wurde vom Center of Automotive Management (CAM) in Ko- operation mit Cisco Systems und dem Fachmagazin automotiveIT verfasst. Sie untersucht im 5. Jahr in Folge die Entwicklungstrends von MobilitĂ€tsdienstleistungen in den wichtigsten globalen Marktregionen. Dazu wurden rund 280 Services in den Bereichen Carsharing, Multimodale Dienste, Micromobility, Fahrdienstvermittlung und Autonome Dienste nach quantitativen und qualitativen Kriterien systematisch erfasst und bewertet. Die fĂŒnf Haupttypen wurden in 17 besonders relevante Servicetypen untergliedert, die sich wiederum auf circa 160 Akteure mit den einzelnen Dienstleistungen verteilen. Das Anbieterspektrum reicht dabei von Autobauern ĂŒber Digitalkonzerne bis hin zu Mobility-Startups. Besonderer Fokus wurde in diesem Jahr auf die Analyse der Wirtschaftlichkeit von MobilitĂ€tsdienstleistungen sowie den globalen Entwicklungsstand autonomer Fahrdienste gelegt. Der diesjĂ€hrige Report wagt außerdem erstmals einen Blick auf wesentliche Innovationstrends in den einzelnen Shared Mobility Bereichen und zeigt wichtige Entwicklungstrends im LĂ€ngsschnitt.